Der Kaiser kommt !

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 Der Kaiser kommt !

 – aber keiner winkt ihm zu –

Eine journalistische Kostbarkeit dürfte der Bericht zu nennen sein, der vor fast 100 Jahren am 18. Juni 1914 erschien und einiges zu der von Kaiser Wilhelm II unternommenen Fahrt zur festlichen Einweihung des Oder-Havel-Wasserweges, damals >Hohenzollern-Kanal< genannt, zu vermitteln suchte und hier in leicht gekürzter Fassung hier wiedergegeben wird.

 

 

 

 

„Sein Erscheinen wurde durch eine Spalierbildung gefeiert, die von der Berliner Grenze bis zur Falkenberger Straße reichte. Die Gemeinde Weißensee hatte aus dieser Veranlassung die Falkenberger Straße mit einem Kiesbelag versehen und an den Hauptpunkten Fahnenmasten aufstellen lassen, so daß die Durchfahrt einen festlichen Anstrich bekam. 

Weißensee hat bisher selten Gelegenheit gehabt, den Kaiser innerhalb der Ortsgrenze zu sehen. Seit der Einweihung der Bethanienkirche sind mehr als zehn Jahre verflossen. Es war daher natürlich, daß unsere Gemeinde-Vertretung sich sehr schnell für den Plan entschied, dem hohen Besuch einen besonderen Willkommensgruß durch die Spalierbildung und die Ausschmückung der Feststraßen zu geben. Der Kaiser selbst hat so selten Gelegenheit, die Umgebung Berlins kennen zu lernen, daß es ganz praktisch ist, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß auch der Nordosten über schöne Fahrstraßen verfügt. Trotz der vielen Reisen des Kaisers sind ihm in der Umgegend Berlins doch nur die großen Fahrstraßen des Westens bekannt.

Wir haben heute gesehen, daß Weißensee eine sehr schöne Feststraße besitzt. Wenn man aus der Greifswalder Straße kommt und in die etwas schmälere Berliner Allee hineinblickt, dort die bunten Fahnen sieht und den architektonischen Abschluß der Straße am Antonplatz, so hat man die Empfindung, vor einer schönen Avenue zu stehen. Die hohen Straßenbäume vervollständigen den Eindruck einer Feststraße sehr glücklich. Weiterhin bietet die Berliner Allee sehr hübsche Ausblicke. Hat man den Antonplatz passiert, so stellt sich das sanfte Ansteigen der Straße bis zur Höhe der Wörthstraße [Smetanastraße] recht vorteilhaft dar. Wenn es auch als ein modernes Ideal gilt, die Straße möglichst lang, möglichst eben und gradlinig zu gestalten, so ist diese Geltung doch nicht für alle Zeiten und für alle Geschmacksrichtungen. Gerade weil die Straße ihrem natürlichen Laufe folgt, weil sie Kurven macht, denen die Bebauung gefolgt ist, zeigt sie ein gewisses Interieur, einen Abschluß nach außen hin. Die Straße Unter den Linden in Berlin macht doch nur deshalb einen so angenehmen und anheimelnden Eindruck, weil sie am einen Ende durch das Kgl. Schloß, am anderen Ende durch das Brandenburger Tor abgeschlossen ist. Ähnlich so stellt sich die Berliner Allee dar. Sie zeigt in allen Teilen ein anderes Bild. Hat man die Wörthstraße passiert, so zeigt sich die nächste Windung, die sich um den See herum befindet. Hier ruht das Auge auf dem schönen Grün der uralten Bäume und auf den glänzenden Wellen des Weißen Sees. Der Kaiser freilich wird wenig Gelegenheit gehabt haben zum Betrachten des Besonderen. Überall wurde seine Aufmerksamkeit durch das Publikum auf den Straßen gefesselt, das sein Erscheinen lebhaft begrüßte.

.An der Falkenberger Straße weist eine geschickte Draperie auf die Änderung der Richtung hin. Von hier aus geht die Fahrt über Falkenberg weiter bis zum Ziele, nach Niederfinow  

Unsere Feststraße trug heute auch festlichen Schmuck. Selten zeigten sich einige Häuser ohne das bunte Fahnentuch. Überall herrschte Leben und freudige Bewegung. Das gestrige gemächliche Gewitter hatte den Straßenstaub gebunden, die Juniwärme hatte sich in den ersten Vormittagsstunden noch nicht so stark entwickeln können. Für die vielen Schulen, die am Vormittag Aufstellung genommen hatten, war diese Wetterlage geradezu vorzüglich. Die Vereine marschierten teils in geschlossenem Zuge auf, teils sammelten sie ihre Mitglieder an Ort und Stelle. Die Schulen wurden von ihren Schulgebäuden aus geführt. 7000 Schulkinder sind für einen Ort wie Weißensee eine beträchtliche Anzahl. 

Pünktlich vor dreiviertel 9 Uhr war die Aufstellung des Spaliers beendigt, wie es vorbereitet war. Die Schulen und Vereine dehnten sich in langen Reihen aus. Die Vereine mit ihren Fahnen boten ein buntes Bild. Wegen des zu erwartenden Massenandrangs hatte die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz umfangreiche Vorbereitungen getroffen. Ein Einschreiten war jedoch nicht erforderlich. Die Schulkinder standen erwartungsvoll. Viele Mädchen hatten besonderen Schmuck angelegt, indem sie sich Blumenkränze ums Haupt gewunden hatten. Die Feststraße wurde von der grünen Uniform der Kreisgendarmerie beherrscht. Zu Fuß und zu Pferde machten sie sich in ihrer Paradeuniform recht hübsch. Eine Absperrung der Feststraße war nicht durchgeführt. Dennoch wurden um die Zeit der Durchfahrt mehrere Gefährte durch die Nebenstraßen dirigiert. 

Um 9 Uhr 8 Minuten näherte sich der Zug von sechs Automobilen durch die Greifswalder Straße kommend der Grenze des Ortes. Das erste Auto, in welchem der Kaiser saß, führte die preuß. Königsstandarte. S.M. trug die Uniform eines Infanteriegenerals. Das Auto war halb geschlossen. Es fuhr mit einer Geschwindigkeit von etwa 25 Kilometern, so daß man nur im beschränkten Sinne von einer langsamen Fahrt sprechen konnte. Schnell wie er gekommen, war der Zug der Autos auch schon wieder verschwunden. In der Falkenberger Straße, wo viele Grundbesitzer die Feststraße schön geschmückt hatten und besonders die Dekorationen von Pretzel und Bellach zu erwähnen sind, erfolgte die Durchfahrt in noch schnellerem Tempo. 

Und nun das Überraschende! Die Vereine und Schulen, die sich an der Berliner Grenze bis zur Elsaßstraße [Mahlerstraße] aufgestellt hatten, haben die Autos wohl fahren gesehen, hatten aber nicht die Überzeugung, daß der Kaiser bereits passiert wäre. Auf dem Wege zum Antonplatz sah der Kaiser wohl das Spalier, aber niemand hob die Hand zum Gruße, kein Tüchlein wedelte in der Luft. Erst als in der Gegend der Elsaßstraße das kaiserliche Hupensignal ertönte, kam Bewegung in die Massen, die sich schnell fortpflanzte. Da aber die ersten Vereine und Schulen an der Berliner Grenze im Spalier stehen blieben, bildete sich sofort die Meinung heraus, daß der Kaiser noch nicht passiert sei und man nur die „Vorreiter“ begrüßt habe. Erst als man sah, daß die Kreisgendarmerie mit der Straßenbahn wegfuhr, tauchten Zweifel auf. Sie wurden gänzlich beseitigt durch Herrn Gendarmerie-Oberwachtmeister Döhrmann, der die Spalierfront per Rad abfuhr und die Spalierbildung für aufgelöst erklärte. Wenige Minuten später zeigte die Berliner Allee wieder ihr gewöhnliches Aussehen und nur die Fahnen verkündigten noch die festliche Stimmung des Tages. 

Die Schulkinder, die den Kaiser selten zu sehen bekommen, und denen hier die Gelegenheit winkte, den Landesherren ganz in der Nähe zu sehen, haben recht enttäuschte Mienen gemacht. Als damals die Prinzessin August Wilhelm zur Einweihung des Auguste-Victoria-Krankenhauses hier weilte, hatten sie wenigstens die Gewißheit, das Auto das Auto nochmals auf der Rückfahrt innerhalb kurzer Zeit zu sehen, hier aber wurde das Spalier aufgelöst und die Feier war zu Ende. Die Ungewißheit, ob der Kaiser tatsächlich passiert sei oder nicht, hatte schließlich, da man S.M. nicht genau gesehen hatte, ihren Grund in der mangelhaften Kenntnis der Bedeutung der Flaggen. Das kaiserliche Auto trug an der linken Seite die preußische Königsstandarte, welche rot ist, jedermann glaubt aber, da die Kaiserstandarte gelb ist, daß das kaiserliche Auto noch nicht passiert sei. Die Eröffnung des Hohenzollernkanals ist eine rein preußische Angelegenheit und der Kaiser kam hier zu seinen Märkern lediglich als Landesfürst, als König von Preußen, nicht aber als deutscher Kaiser. Die Weißenseer kennen nun hoffentlich den Unterschied zwischen der Kaiser- und der Königs-standarte. 

Als der kaiserliche Autozug das Schloß Weißensee passierte, hätte sich beinahe ein Unglücksfall ereignet. Mehrere Passagiere, die der Straßenbahn entstiegen waren, hatten die Absicht, den Straßendamm zu überschreiten. Eine Frau, der die Aussicht über die Straße durch einen Wagen der Straßenbahn versperrt war, schritt über den Damm in dem Augenblick, als das Auto mit dem Kaiser vorüber war. Sie wäre um ein Haar von dem zweiten Auto erfaßt worden. 

Auf der Rückfahrt passierte der Kaiser um 2,20 Uhr im o f f e n e n A u t o die Berliner Allee. Die Straßen waren wiederum teilweise abgesperrt. Das Publikum bestand meist aus Frauen und Kindern. Der Kaiser dankte freundlich lächelnd für die kleinen Ovationen. Innerhalb von 6 Minuten ist die Strecke von der Ortsgrenze Falkenberger Straße bis zur Berliner Grenze zurückgelegt worden.“