Muttermilch aus dem Milchhäuschen ...

Muttermilch aus dem Milchhäuschen ...

... und andere Ungereimtheiten

 

Die 1990 wirksam gewordene Liberalisierung des Pressewesens hat in verschiedener Hinsicht gewirkt: Für die regionalhistorische Arbeit konnten sehr schnell Forschung und Veröffentlichung daraus erstandener Ergebnisse wirksam werden, alles beschränkte sich nicht mehr wie zuvor auf eine kleine Anzahl „Zugelassener“, denen allein die zugeteilten Papiermengen zur Verfügung standen und die natürlich allein ihren Kenntnisstand oder ihre Auffassungen publizierten. Andererseits konnte sich von nun an auch jeder Interessierte, wenn er die notwendigen Voraussetzungen schuf, an der nun eintretenden Vervielfältigung der Informationsmöglichkeiten beteiligen.

 

Der Verein WEISSENSEER HEIMATFREUNDE e.V. veröffentlichte in den zurückliegenden fast 20 Jahren eine größere Anzahl von Büchern und Broschüren und bot damit eine ansehnliche Reihe von historischen neuen wie überlieferten Erkenntnissen und Erläuterungen. Ebenso wurden Beiträge verschiedenen Presseorganen übergeben.

Ebenso allerdings entstanden seither, inzwischen erheblich unterstützt durch die Möglichkeiten des Internet, eine nicht geringe Anzahl von Publikationen, deren Autoren Informationen verbreiten, die historisch nicht belegbar sind. Auf diese Weise gelangen Darstellungen in die Öffentlichkeit, die, da bekanntlich besonders bei historischen Themen die Weiterverwendung zuvor erschienener Beiträge gern genutzt wird, falsche oder zumindest fragwürdige Niederschriften weiter verbreiten. Was befürchten lässt, dass eines Tages solches Wissen als Wirklichkeit angesehen und in der Folge als solche behandelt werden wird. Zum Teil hat es schon Eingang gefunden in Internet-Informationen zu Weißensee. Bedauert werden muß dabei, dass auch Texte studierter Historiker nicht frei waren von Fehlern, die manchmal „nur“ durch Flüchtigkeit entstehen konnten, jedoch imstande sind, zu Langzeitfolgen zu führen.

Vergleichsweise harmlos und eher belustigend ist es, wenn in einer Kurzdarstellung zum >Milchhäuschen< steht, dass dieses auch als Sammelstelle für Muttermilch gedient haben soll. Dabei hatte wohl die Tatsache Pate gestanden, dass im für solche Aufgabe Voraussetzungen bietenden Säuglings- und Kinderkrankenhaus diese Sammlungen üblich waren, also in eben der Einrichtung, die Milch und Erzeugnisse aus der zum Krankenhaus gehörenden „Milchkuranstalt“ auch für die Parkbesucher in dem ehemaligen Gartenhaus anbot, das deshalb den Namen >Milchhäuschen< erhalten hatte. Dieses wurde übrigens nicht, wie an-derswo zu lesen ist, beim Brand des „Schlosses“ beschädigt, denn es befand sich an einem anderen Ufer des Sees weit außerhalb der Gefahrenzone. Das >Milchhäuschen< ist offenbar so beliebt, dass es in diesen Jahren mehrfach beschrieben wurde. So auch mit der Meldung, dass 1995/96 „umfangreiche Baumaßnahmen“ an dem „nahezu völlig zerstörten Gebäude“ durchgeführt werden mussten. Anderer Autor hatte früher schon als Grund für den bis 1968 erfolgten Neubau einen vorausgegangenen Brand genannt, der jedoch nie stattgefunden hatte. Daß erst unlängst geschrieben wurde, die Liegefläche im Seebad wäre im Jahre 2003 mit Ostseesand aufgefüllt worden, bringt den ins Grübeln, der weiß, dass bereits 1980 der Neubau der Anlage bereits den (mit Tränen bei erfahrenen Badegästen verbundenen) Abschied von den Holzböden gebracht hatte. Mit Jahreszahlen haben viele „Historiker“ ihre Probleme, es gibt viele Fälle, in denen durch Zahlendreher oder Verwechslungen entstandene Fehler vor Drucklegung nicht beseitigt wurden und seither auch durch andere Publikationen wandern.

Schlimm wird es, wenn schluderhaftes Arbeiten ein gut aussehendes und auch deshalb nicht ganz billiges Buch (72 Seiten) zu einer Sammlung von bis zu 20 fehlerhaften Aussagen oder Darstellungen auf 18 Seiten werden lässt und mit 16 zu einfach falschen Jahresdaten von rund 100. Und ernsthafte Sorgen stellen sich ein, wenn ein vom Bezirksamt Weißensee herausgegebenes Buch ein Bild des seit Jahrzehnten abgerissenen SA-Denkmals im Park unter der der NS-Terminologie entnommenen fetten Überschrift „Gedenkstein der für die nationale Erhebung Gefallenen“ anpreist (nachdem dieser Titel auch bereits früher im gleichen Buch schon einmal vorgeführt worden war). Viel harmloser ist da die Aussage, dass 1985 der Orankesee, der stets zu Hohenschönhausen gehört hatte, dem gleichnamigen neuen Bezirk zugeschlagen worden sei. Und dass die „Feldtmannsche Villa“, die bis zu ihrer Zerstörung im Krieg als Bestandteil des Rathausgrundstücks in der Albertinenstraße gedient hatte, angeblich recht entfernt an der Amalienstraße gestanden hätte.

So viele Probleme, so viele Fragen, die sich daraus ergeben. Jedoch auf jeden Fall eines: Nicht alle Texte, die über Weißensees Vergangenheit berichten, erzählen das, was wirklich war. Und die Leser sind gut beraten, wenn sie sich bemühen, solche zur Hand zu nehmen, deren Inhalt der Wahrheit so nahe wie nur möglich kommen. Oder, was auch zu wünschen wäre, sie ihr Interesse an der Historie dadurch unterstützen, dass sie selbst bei der chronistischen Arbeit mitmachen. Die Vereinsmitglieder würden sich für Nachwuchs – gleich welcher Altersgruppe – sehr freuen.

Druckerzeugnisse, die – in unterschiedlichem Maße - mit Fehlern behaftet sind:

>Es ist daselbst ein sehr schöner Garten< (1999)

>Spaziergänge in Weißensee< (1993)

>Berlin-Weißensee – wie es früher war< (1996)

>Erlesenes Pankow< (2010)