Wappengeschichten

Die Deutungen zu den Bestandteilen des Weißenseer Wappens sind vielfältiger Natur, die Fragen danach lassen nicht nach. Die dargestellten Gegenstände werden oft der Seefahrt, manchmal auch dem Maschinenbau zugeordnet. Zumeist geht man daher in die Irre und die Notwendigkeit der quellengerechten Aufklärung bleibt erhalten. Die alte Dorfgemeinde verwendete für ihre Siegel über viele Jahre nur Textdarstellungen und erst in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts zwei miteinander durch eine Schleife verbundene Lorbeerzweige.

 

Das sollte sich ändern, als 1905 die zuvor über 25 Jahre getrennten Gemeinden Weißensee und Neu-Weißensee wieder zusammengeführt wurden. Der um die Geschichte des Barnim verdienstvoll bemühte Petershagener Pfarrer Alexander Giertz hatte es übernommen, aus diesem Anlaß eine umfangreiche Chronik des Ortes zu verfassen. Und benutzte diese Gelegenheit dazu, nun auch ein Wappen vorzuschlagen, das man sicherlich gut nutzen könne, wenn endlich die schon seit langem währenden Bemühungen um die Verleihung der Stadtwürde erfolgreich sein würden. Als Mann der Kirche nahm er dazu als Vorlage Gegenstände, die mit Bestandteilen und der - ursprünglich katholischen - Historie der Pfarrkirche im Zusammenhang standen, nämlich Richtrad und Richtschwert aus der Legende um die Heilige Katharina von Alexandrien. Diese lebte im 3. oder 4. Jahrhundert und wurde, wie die um sie geschaffene und zeitgerecht blutrünstige Geschichte verbreitet, wegen ihrer Standhaftigkeit zum Christentum nach vielfältigen Folterqualen hingerichtet.

Dieser Vorschlag wurde zwar entgegen genommen, jedoch zu keiner Zeit zum Beschluß der Gemeindevertretung erhoben. Ein solcher wurde erst im Juli 1912 gefaßt, nachdem der Gemeindebaurat Carl James Bühring seinen Entwurf vorgelegt hatte. Dieser ging von rein weltlichen Vorgängen aus, er zeigte zwei Menschen, die die alten Gemeinden Dorf Weißensee und Neu-Weißensee versinnbildlichen sollten und die nun gemeinsam über den (Weißen) See schreiten und mit einem großen Schlüssel die schöne Zukunft als S t a d t verkünden. Wie in Berlin nicht anders zu erwarten, gab der Volksmund diesem Wappen einen scherzhaft gemeinten Inhalt: “Die feine Dame Vorort Neu-Weißensee schleppt das bis aufs Hemd entkleidete (ausgeplünderte ?) Dorf mit sich herum”. Volle Übereinstimmung zwischen dem Schöpfer dieses Wappens und der Gemeindevertretung war das Ergebnis, trotzdem blieb der Erfolg aus. Es kann angenommen werden, daß Anlaß dafür die auch in den folgenden Jahren weiter bestehende Verweigerung der Stadtwerdung war. Und mit der Eingemeindung nach Groß-Berlin im Jahre 1920 erledigte sich der Drang nach der Stadtwürde ganz von selbst, Weißensee benötigte kein “redendes Wappen” mehr, das aufeinen Vorgang zurückging, um den schon kaum noch jemand wußte. Dafür kam nun der Giertzsche Entwurf wieder aus dem Archiv ans Licht. Wer Weißensee, das ja nun Stadtbezirk geworden war und mehrere frühere Dörfer einbezogen hatte, wie auch andere Ortsteile der Großstadt hervorheben wollte, tat es nun mit diesem. Ob Weimarer Republik, NS-Zeit oder DDR - das Bild, das die Weißenseer früher wegen der darauf befindlichen Gegenstände als “Marterwappen” bezeichnet hatten, wurde nun stets benutzt und konnte sich damit über Jahrzehnte einprägen. Für eine offizielle Registrierung bestand kein Zwang und wohl auch kein Bedürfnis, da der Berliner Bär alles ausreichend abdeckte. Erst 1992 wurde es nach den nun geltenden Richtlinien durch den Bezirk beantragt und schließlich durch den Senat von Berlin erstmalig amtlich und damit endgültig bestätigt. Tatsächlich allerdings nur für nicht einmal zehn Jahre, denn mit der Bildung des Großbezirks Pankow erlosch die Funktion als Bezirkswappen. Eine Zukunft konnte es nur noch als Zeichen eines Berliner Ortsteils haben.

Nunmehr ist der Bezirk, der - wenngleich er seit Anbeginn entgegen früheren Entscheidungen bereits Pankow genannt wurde, was vor nicht allzu langer Zeit schließlich bestätigt werden mußte - über Monate ohne ein Wappen geblieben, weil die Namensfrage die Entscheidung behinderte und zu den vorgelegten Entwürfen für ein neues, gemeinsames, immer wieder Änderungswünsche auftraten. Man darf glücklich darüber sein, daß der mit dem Entwurf beauftragte Grafiker soviel Geduld bewahren konnte. Das Weißenseer Wappen dagegen wird, acht Jahre nach der Bezirks”reform” beinahe lustvoll in der Öffentlichkeit benutzt, so daß es bereits Bezirkspolitiker gibt, die sich veranlaßt sahen, daran Anstoß zu nehmen. Was die Heilige Katharina offensichtlich auch in der Gegenwart standhaft zu erdulden vermag. Ebenso wie die aktuelle Entscheidung der Wappenberater, daß das Richtrad künftig voll und ganz friedfertigen Zwecken, weil den im Großbezirk offenbar primär zu erlebenden Handel darstellend, zuzuordnen sei. Die bislang zu erlebenden Debatten über das Rad können nun, das ist anzunehmen, um neue interessante Nuancen bereichert werden.

Aktualisierter Beitrag aus BERLINER WOCHE vom 11.7.2007

Wappen im Wappensaal des Roten Rathauses
   
   
Der neue Pankower Wappen.