Südafrika lag in Weißensee

Weißensee - die Filmstadt. Jedoch: Nicht nur in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts surrten hier Kameras, liefen bekannte Schauspieler durch die Gegend, dienten junge wie alte Bürger des Bezirk als Statisten. Auch 1940/41 standen hier Kulissenstädte wie in Babelsberg, wurden Tiere benötigt und bevölkerten Menschen aus exotischen Gegenden das Aufnahmegelände an der Rennbahn wie schon zu Joe Mays Zeiten zwanzig Jahre vorher.

Im Oktober waren überall Leute der Filmfirma TOBIS aufgetaucht: In Schulen wie auf der Straße. Ganze Klassen - insgesamt wohl über 200 Jungen und Mädchen - wurden engagiert, Frau Reisener, damals 12 Jahre alt, war gerade mit ihrem Puppenwagen unterwegs, als sie angesprochen und für eine „Gage“ von 5,- Mark je Tag "unter Vertrag genommen" wurde. Eine andere Frau, damals 30, erhielt 8,- RM je Drehtag, dazu freies Essen. Herr Voigt aus Ostfriesland, der zu dieser Zeit als Soldat in Potsdam stationiert war, wurde mit der ganzen Kompagnie nach Weißensee kommandiert und so ebenfalls Statist. Frau Stroh hatte gerade ihr Abitur bestanden, sie erinnert sich heute, daß die Ochsengespanne, die für den Film eingesetzt wurden, eigens aus Ungarn herangeschafft worden waren. Geführt wurden sie von kriegsgefangenen französischen Kolonialsoldaten, die, eigentlich makaber, auch als Bewacher für die Buren - dann jedoch mit Holzgewehren ausstaffiert - fungierten. Extra eingesetzt wurden auch Zirkuskamele, denen man sogar Zelte aufgebaut hatte. Gedreht wurde mit >Ohm Krüger< ein Film, der den Ruf "Bomben auf Engelland" unterstützen und zugleich beweisen sollte, daß Konzentrationslager zuerst von den Engländern im Krieg gegen die Buren benutzt worden waren. Und der Film sollte zeigen, wie erfolgreich sich die Buren, Nachkommen holländischer Einwanderer, gegen die Briten zur Wehr gesetzt hatten. Der Krieg war noch in einer Phase, in der es besonders gegen Großbritannien ging. Auf der Rennbahn war die Stadt Pretoria aufgebaut worden, die Sicht in die nähere Umgebung wurde durch mit Bergen bemalte Kulissen verstellt, so daß selbst die unmittelbar neben dem Filmset gelegene Flakstellung vollends getarnt worden war. Besonders interessant für alle, die an dem Spektakel teilnahmen, war es, die Schauspieler aus nächster Nähe zu sehen: Da war Emil Jannings, der den greisen Präsidenten des Burenvolkes spielte, Werner Hinz als sein Sohn, Gisela Uhlen als dessen Frau, Gustaf Gründgens als arroganter Engländer und Ferdinand Marian als der intrigante Cecil Rhodes. Schließlich neben vielen anderen auch Elisabeth Flickenschildt als aktive Burenfrau, die gegen die Engländer aufbegehrte.

Der Aufwand für die Produktion war erheblich. Immerhin mußten die Soldaten an jedem Drehtag von Potsdam nach Berlin und wieder zurück in die Kaserne transportiert werden. Und die Kriegsgefangenen, sie wurden mit entsprechenden Wachmannschaften eigens aus ihren Lagern herangeholt. In den Drehpausen hielten sie sich in der Gaststätte >Zum Pferdemarkt< in der Schönstraße auf. Und damit die Weißenseer etwas von der Atmosphäre dieser Arbeit mitbekamen, gab es an Wochenenden "offene Türen", durch die man in das Gelände kommen und es ansehen konnte. Vielleicht deshalb wurde sehr schnell in der Bäckerei des Ortes "Pretoria" das ursprünglich real vorhandene schöne Brot gegen Gipsatrappen ausgetauscht. Und enttäuscht waren viele der Komparsen auch, weil sie später feststellen mußten, daß ihr mühsam einstudierter Gesang "Burenland ist freies Land" nicht zu hören war, weil man ihn im Film durch einen "richtigen" Chor ersetzt hatte. Der Film wurde bald danach fertiggestellt und mit viel Reklame im ganzen Reich wie im besetzten Ausland aufgeführt. Nach Kriegsende wurde er jedoch von den Besatzungsbehörden aller Zonen wegen seiner eindeutig englandfeindlichen Tendenz verboten und nicht wieder gezeigt. Auch nicht in Weißensee, wo er "geboren" worden war.