Weißensee sollte schon einmal verschwinden

Das Wort >Bezirksreform< entstand nicht erst um 2000, als es darum ging, aus zuvor 23 Berliner Einheiten für die Zukunft 12 zu machen. Heute ist es gerade 70 Jahre her, daß die Reichshauptstadt umfassend in ihren inneren Grenzen verändert wurde. Und Weißensee spielte dabei eine bemerkenswerte Rolle. Im Januar 1937 informierte der Berliner Polizeipräsident den Oberbürgermeister von der vom Reichsluftfahrtminister Göring erhobenen Forderung nach künftiger Übereinstimmung der Bezirksgrenzen mit denen der in Vorbereitung befindlichen Polizeibezirke. Begründet wurde die Forderung besonders mit „luftschutztechnischen“ Erfordernissen.

Zur Bekräftigung der Argumente gegenüber den überraschten Teilnehmern der eilends einberufenen Beratung im Innenministerium wurde auch auf die dementsprechenden Forderungen des Reichskriegsministers (damals gab es diese Funktion noch) und den Wünschen „des Führers“ verwiesen, den Aufbau des Luftschutzes in der Stadt zu beschleunigen. Die vorgelegten Entwürfe für die Umsetzung führten zu lebhaften Diskussionen, besonders unter den Vertretern der Stadt. Hatten sie doch gravierende Änderungen zur Voraussetzung: Mehrere Bezirke - so Mitte - und historisch gewachsene Bereiche sollten geteilt werden, ebenso enthielt der Entwurf Vorschläge zur Verlegung ganzer Ortsteile an andere Bezirke.. Besonders traf dies für Weißensee zu. Der Bezirk war zur Aufteilung auf Pankow bzw. -der östliche und südliche Bereich des damaligen Territoriums- auf Lichtenberg vorgesehen. Das vorlegte Kartenmaterial führte zu teilweise heftigen Reaktionen seitens der Magistratsvertreter, zu Gegenvorschlägen und schließlich im Lauf der folgenden Monate zu konkreten Schritten, die dann Eingang in die Neufestlegungen fanden.

Für Weißensee ergaben sich folgende Änderungen, nachdem sehr schnell die Aufteilung auf die Nachbarn verworfen worden war:

a) Die Grenze zum Prenzlauer Berg wurde so verändert, daß nun die Gürtel- und Lehderstraße anstelle der südlichen Grundstücksgrenzen galt;

b) nach Lichtenberg hin wurde die Landsberger Chaussee (heute Teil der Landsberger Allee) klar auf der Nordseite zu Weißensee, auf der Südseite zu Lichtenberg geschlagen. Damit kamen 38 Grundstücke mit 654 Bewohnern zu Prenzlauer Berg, gegenüber Lichtenberg gab es - besonders durch den Hohenschönhauser Ortsteil Wilhelmsberg - 75 Änderungen, die 975 Personen betrafen. Gravierend war, daß in der Lehderstraße die beiden Seiten von nun an zu unterschiedlichen Bezirken gehörten, die Versorgungsleitungen durchschnitten waren, die Schüler in andere Schulen umsatteln mußten und z.B. das Kino >Delphi< in der Gustav-Adolf-Straße nicht mehr zu Weißensee gehörte wie auch das letzte Haus Berliner Allee 257. Dem vorausgegangen waren vielfältige, nicht selten mit harten Bandagen ausgetragene Streitigkeiten zwischen Bezirksbürgermeistern, Parteigrößen und schließlich dem Magistrat gegenüber dem Weißenseer Bürgermeister, der lange nicht von seiner Forderung ablassen wollte, „sein“ Territorium bis zum S-Bahn-Ring auszuweiten, an dem ja schließlich damals die S-Bahn-Station mit dem Namen WEISSENSEE gelegen war.

Für die Bewohner der betroffenen Gebiete ergab sich später, was den Luftschutz betraf, keine positive Auswirkung, die Bomben fielen ohne Grenzrücksichten. Jedoch die unterschiedlichen Zeiten bei Stromabschaltungen wurden ebenso spürbar wie die Abweichungen bei den Lebensmittelkarten, die in der ersten Nachkriegszeit bezirksweise manchmal deutlich spürbar waren. Es war daher richtig, daß der Magistrat sehr bald diese - ohnehin offenbar nur wegen der Kriegsvorbereitungen für notwendig erachteten - Regelungen wieder zurücknahm und die Bezirksgrenze wieder an die Grundstücksgrenzen zurückführte. Seite 1946 gehörten wieder die gesamte Lehderstraße, der westliche Südteil der Gustav-Adolf-Straße, Grundstücke in der Roelckestraße und an der Berliner Allee (inzwischen zur Trümmerlandschaft geworden) zu Weißensee.

Es mutet wie ein Witz an, daß rund 60 Jahre nach dem ersten Versuch der Auflösung Weißensees die nun folgende Entscheidung den Schritt vervollständigte, der zu DDR-Zeiten mit der Herauslösung Hohenschönhausens und seiner Ortsteile begonnen wurde. Weißensee ist nun bereits das achte Jahr nur noch einer der Ortsteile des Großbezirks Pankow, einer der kleinen, nicht im Mittelpunkt stehenden, aber auch einer der lebendigen und für seine Bewohner und Gäste durchaus liebenswerten.