Aus der Geschichte des Warenhauses Brünn

1880 hatte sich die Gemeinde Neu-Weißensee vom alten Dorf abgesondert und ihren weiteren Weg getrennt begonnen. Noch im gleichen Jahre waren die beiden jüdischen Friedhöfe geweiht worden, hatte die Gemeindevertretung Heinrich Feldtmann zum Vorsteher gewählt. In 255 Häusern lebten zu dieser Zeit 3 891 Einwohner. Bald wurde die erste Telefonverbindung nach Berlin hergestellt und eine baptistische Sonntagsschule gegründet Und im Dezember 1881 wurden die Häuser mit amtlich festgelegten Nummern versehen. 1882 erhielt der Glasermeister Herpel den Auftrag zur Einrichtung einer Ortsbeleuchtung, 1885 entstanden in der Roelckestraße der gemeindeeigene Pferdemarkt und der Gemeindefriedhof. Im Februar 1886 fand in einer Wohnung der erste katholische Gottesdienst statt, und im März eröffnete der Kaufmann Adolf Brünn jr. in der Königschaussee 63 seinen neu gestalteten Verkaufsladen für "Wäsche-Ausstattungen und Mode-Waren".

 

Brünn, geboren 1861 in Grabow in der Neumark, war um 1880 hierher gekommen und hatte einen kleinen Laden seither erfolgreich führen können, wozu sicherlich neben den Einwohnern selbst auch Kunden hatten beitragen können, die mit der vom Alexanderplatz her kommenden Pferdebahn regelmäßig ins nahe "Etablissement Schloß Weißensee" strömten. Nun war es ihm gelungen, in dem Haus an der Hauptstraße (der heutigen Berliner Allee) ein größeres Ladengeschäft einzurichten und sein Angebot zu erweitern. Diese Entscheidung war offensichtlich klug gewählt, denn bereits 1890 hatte sich die Einwohnerzahl Neu-Weißensees auf rund 20 000 erhöht, und zehn Jahre später waren es bereits 35 000 Bürger, die hier wohnten. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende war es dann notwendig, eine Erweiterung vorzunehmen. Nebengrundstücke wurden erworben, ein vierstöckiger Bau errichtet, ein modernes Haus mit neun riesigen Schaufenstern entstand. Ein weiteres Gebäude wurde 1928 eingeweiht, und nun war Brünns Kaufhaus nicht nur eine markante, die beliebte Einkaufstraße dominierende Handelseinrichtung, sondern auch eine führende Einrichtung im Bezirk. Und allseits beliebt, nicht nur wegen des soliden und weitläufigen Angebots, war es doch der Seniorchef, der zwar immer noch als "Junior" fungierte, aber längst seinem Sohn die Leitung übertragen hatte. Dafür fand sich der alte Herr täglich in den Verkaufsräumen ein, plauderte mit den Kundinnen, trug ihre Einkäufe zur Kasse und half beim Einpacken, nicht ohne beim Hinausgehen die Tür offen zu halten und ein "Auf Wiedersehen" zu wünschen.

 

Zehn Jahre später war alles nur noch Erinnerung. Adolf Brünn, inzwischen 77 Jahre alt, wurde im Zusammenhang mit dem Novemberpogrom von 1938, das am Haus zu Beschmierungen und Zerstörungen geführt hatte, wie andere Weißenseer Juden ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Vorausgegangen waren dem bereits Drangsalierungen, so z.B. während der Olympiade 1936, für die der "nichtarische" Betrieb keine Werbung machen durfte. Brünn wurde, im Gegensatz zu anderen Inhaftierten, nach nur wenigen Tagen freigelassen. Der Grund: Die laufende "Arisierung" des Unternehmens erforderte seine Unterschrift. Bereits am 18. November, also nur wenige Tage nach dem Novemberpogrom, den die Propaganda beschönigend als „Reichskristallnacht„ bezeichnete, konnte das Warenhaus als "arischer Betrieb" neu eröffnen, nachdem es für eine lächerlich geringe Summe verkauft worden war. Die Familie Brünn zerfiel, ein Teil konnte sich nach Schweden retten, der Senior blieb wohnen, mußte erleben, daß sein Haus ein sogenanntes Judenhaus wurde. Am 14. September 1942 wurde er, der inzwischen zwangsweise den Vornamen Aron angenommen hatte - wie Zeitzeugen berichteten in einem Möbelwagen auf einem Stuhl sitzend - deportiert und nach Theresienstadt verschleppt. Nur drei Wochen später verstarb er dort. Das Kaufhaus wurde 1945 enteignet und zuerst von der als ebenfalls "arisierter" Betrieb sequestierten HERTIE-AG geführt, später der staatlichen HO zugeordnet. Seit 1990 von mehreren Unternehmen genutzt, wurde der Altbau durch ein neues Haus ersetzt und hat seither offenbar keine glückliche Entwicklung durchlaufen können. Längere Zeit verlassen stehend, dient er nunmehr wieder den Weißenseern - als Filiale einer Bank. An der Straßenfront erinnern zwei Tafeln an historische Vorgänge.