Ein modernes Haus für die “Blechbahnen”

Mehr als dreißig Jahre hatte es seinen Dienst verrichtet: Nur kurz nach der Einführung der ersten Linie, die am Berliner Alexanderplatz ihren Anfang nahm und auf dem Vorhof des Weißenseer Schlosses ihren zweiten Endpunkt hatte, war auf dem Dreieck zwischen der heutigen Rennbahnstraße, der Parkstraße und der Große-See-Straße, von vornherein für größeren Zuwachs geplant, das alte Depot der Straßenbahn entstanden. Eine Remise für die abzustellenden Fahrzeuge, eine Schmiede für alle anfallenden Arbeiten, Ställe für die Pferde und auch ein Krankenrevier für aus dem täglichen Trott ausgefallene Rösser waren die ersten Bauten, die hier entstanden.

Bis 1901 gehörte die Anlage der NBPfG, der Neuen Berliner Pferdebahn-Gesellschaft, die diese älteste Linie der Gegend und inzwischen eine weitere Anzahl von Strecken im Nordosten Berlins betrieb. Zwischendurch hatte sie über einige Jahre au ch eine Sonderlinie zwischen dem “Verbinder” (Bahnhof Weißensee an der Ringbahn) und dem Tor der großen Trabrennbahn kurz vor Heinersdorf unterhalten. Kurz nach der Jahrhundertwende ergab sich ein grundlegender Wandel, als alle inzwischen in Weißensee verkehrenden Linien auf elektrischen Betrieb umgestellt wurden. Das Depot wurde entsprechend modernisiert, die Remisen erhielten Arbeitsgruben, und die Ställe konnten abgerissen werden.

Doch durch die Größe und Beschränktheit des Depots wurde der besonders durch das Entstehen der Großbetriebe und die Erweiterung der Wohnbereiche stetig wachsende Verkehr gehemmt. Es war unumgänglich geworden, ein größeres Gelände zu nutzen. Man fand es nicht weit entfernt in der Bernkasteler Straße, gleich neben der neuen Schule, die erst 1910 eingeweiht worden war. Hof XXII (später Wei) wurde der neue Betriebshof genannt, der auf insgesamt 19634 m² mit zwei großen und langen Hallenschiffen, einem sehenswerten Freibereich mit weiteren Abstellgleisen und Einrichtungen für Reparaturen den Anforderungen der Neuzeit zu genügen versprach. Gleichzeitig wurde ein dreistöckiges Verwaltungs- und Wohngebäude errichtet. Am 11. Oktober 1912 fand die feierliche Inbetriebnahme statt und von nun an wurde eine ganze Anzahl von Linien von hier aus versorgt. Im Laufe der Jahre verzeichnete die Anlage viele Veränderungen und Besonderheiten. So 1945, als die Wagenhalle, die als eine der wenigen die Luftbombardements nahezu unbeschädigt überstanden hatte, als Lagerfläche für von der Roten Armee herbeigeschaffte Getreidebestände dienen mußte, während die Fahrzeuge auf Freiflächen und stillgelegten Strecken (z.B. längs der Schönstraße) verblieben. Oder Mitte der Siebziger, als in Vorbereitung auf den von hier aus beginnenden Ersteinsatz der Tatra-Züge Umbauten an den elektrischen Versorgungseinrichtungen und Veränderungen der Arbeitsgruben sowie die Einrichtung einer Elektronik-Werkstatt notwendig wurden. 1978 entstand ein neues Verwaltungsgebäude, in dem einige Zeit auch die Fahrschule der Straßenbahn stationiert war. In den Neunziger Jahren wurde die Werkstattarbeit auf den Hof Lichtenberg konzentriert, nachdem sich der Instandhaltungsaufwand verringert hatte und auch der Fahrzeugbestand in Weißensee spürbar verringert werden konnte. Heute werden von hier aus auch Einsätze vollzogen für Linien, die außerhalb Weißensees, so z.B. in Pankow, liegen. Nach wie vor kann so der Weißenseer Betriebshof seine Aufgaben erfüllen. Beabsichtigt ist, das Gelände zu verringern, schon seit langem nicht genutzte Gebäude abzureißen und die Flächen für Bauzwecke freizugeben. An seinem hundertsten Geburtstag wird Wei sicherlich anders aussehen aus heute.

Übriges: >Blechbahn< war im Jargon der BVGer seit langem die Bezeichnung für die Strassenbahn, während z.B. die Busse als >Gummirutscher< bezeichnet wurden. Auch heute noch?