Aus zwei Generationen der Gastronomie am Weißen See

 

 Es ist sicherlich ein Zufall, daß beide der zu beschreibenden Männer aus dem Süden dieses großen Landes nach Berlin kamen, um die guten Traditionen bayerischer, fränkischer und vielleicht sogar schwäbischer Gastronomie in die brandenburg-preußische und natürlich auch berlinische Diaspora, weitab von Knödeln, Schweinshaxen, Maultaschen und nicht zuletzt gar Weizenbier, zu verbreiten. Der eine kam, wie das Berliner Adreßbuch belegt, um 1860 von München aus in die Stadt, die damals schon lange preußische Residenz, jedoch noch nicht Reichshauptstadt war.

 

Von Hause eigentlich Kupferstecher, übernahm er wenig später das in seinem Wohnhause gelegene Café, zog sehr bald im Laufe der folgenden Jahre mit seinen immer wieder an den verschiedensten Standorten entstehenden und vergehenden Gaststätten durch die Stadt, bis er 1876 in der Dresdener Straße ein großes Restaurant aufzog. Ein Jahr später bereits bewirtschaftete er erstmals in dem kleinen Vorort Weißensee das an dessen See gelegene und >Schloß< genannte Gutshaus. Zwei Jahre später wechselte er in die Nähe von Rixdorf (heute Neukölln), um dort in der Hasenheide die NEUE WELT zu gründen und erfolgreich zu einem noch heute im Gedächtnis der Berliner erhalten gebliebenen Unternehmen zu entwickeln. Nach einem Zwischenspiel in Pankow, wo der umtriebige Gastronom an der Ecke Berliner Straße/Hadlichstraße aus dem ehemals >Gühlers Bienengarten< ein großzügig gestaltetes Gartenlokal unterhalten hatte, war er 1885 wieder in Weißensee, entstand unter seiner Leitung das >WELT-ETABLISSEMENT SCHLOSS WEISSENSEE<, das täglich Tausende von Gästen aus Berlin und Umgebung anzog. Dieses wurde eine wirklich erstklassige Einrichtung, mit eigener Brauerei und der in der Eigenwerbung versicherten Fähigkeit, Platz für 40 000 Besucher zu bieten. Mit direkter Pferdebahn zwischen dem Alexanderplatz und der Endstation vor dem Haus ausgestattet, wurde es nicht nur für Berliner und ihre Gäste, sondern auch für Vereine und Parteien aus dem ganzen Reich als ideale Versammlungsstelle bekannt und gern genutzt. Genannt wurde es, auch nach dem Fortgang des Gründers, noch für sehr lange Zeit unter dessen Namen: R u d o l f S t e r n e c k e r.

Der andere erreichte Berlin erst mehr als hundert Jahre später. Da war es noch nicht Bundeshauptstadt sollte es jedoch nach dem Willen der Väter des Grundgesetzes und nun auch dem der rund vierzig Jahre später aktuell stimmberechtigten Abgeordneten endgültig werden. Und sein Anfang in dieser Stadt war, wenn man Erzähltem Glauben schenken darf, nicht in der jedem Bürger frei zugänglichen Gastronomie zu finden, sondern bei der Sicherung der Versorgung von VIP in staatlichem Interesse. Worunter sich jeder etwas Wichtiges vorzustellen vermag. Der Übergang in die private Wirtschafts-Wirtschaft erfolgte mit der Pachtung des nach 1990, nur wenige Jahre nach der Einweihung, heruntergewirtschafteten M I L C H H Ä U S C H E N an dem gleichen See wie damals beim Sternecker. Was er, von dem Wunsch nach neuem Erleben in Weißensee nicht ahnen konnte: Es war, wie sich im Laufe der Zeit zeigen sollte, ein mutiger Schritt. Nicht nur, weil erst einmal vor dem ersten Eröffnungstag, dem 5. Mai 1996, vieles getan werden mußte, um die nach drei Jahren Leerstand überaus desolate Einrichtung der Gaststätte zu erneuern, eine sechsstellige D-Mark-Summe dafür einzusetzen und statt Messer und Schöpfkelle zuerst einmal Spaten und Meißel zu bewegen. Und dann zeigte sich bald, daß bürokratische Hürden in der modernen Welt zeitlos sein können. Da ging es um die Toiletten ebenso wie um den Mülltransport oder gar die korrekte Postanschrift für das Unternehmen, alles zusammen offenbar verbunden mit der Grundsatzfrage, ob so etwas wie eine Gaststätte überhaupt in einen Park wie diesen gehört. Der Wirt des Milchhäuschens gehörte jedoch zu dem Typ Menschen, die Mut und Ausdauer besitzen, um erfolgreich zu bestehen. Wenngleich man es ihm nicht anzusehen vermochte, konnte er, wie eine gute bayerische Lederhose, Widerstand leisten und sich durchsetzen. Er legte wieder die Handwerkzeuge des Kochs beiseite und nahm die des Häuslebauers zur Hand. Das Haus wurde wieder umgebaut, erweitert, modernisiert und schließlich im Juni 2005 wieder eröffnet. Leistungsfähiger und publikumsfreundlicher als je zuvor.

So konnte es nun auch sein zweites Jahrhundert beginnen. 1913 als Einrichtung der Gemeinde Weißensee und Schmuckstück des gerade erst frei zugänglich gewordenen Parks rund um den See allgemein zugängliche Verkaufsstelle für die Produkte der >Milchkuranstalt< im Kinderkrankenhaus eröffnet, hundert Jahre später als Anziehungspunkt für Tausende Parkbesucher allseits beliebt. Ein langes Leben möge dem MILCHHÄUSCHEN beschieden sein! Oswald Wachenbrönners Familie wird dazu ihren Beitrag leisten.