Weißensee wird Industriestandort

 

Das Jahr 1907 sollte zu einem erfolgreichen für die noch junge Großgemeinde Weißensee werden, die sich erst zwei Jahre zuvor durch den Zusammenschluß des alten Dorfes und der Berliner Vorstadt Neu-Weißensee gebildet hatte und nun verstärkt daran arbeitete, endlich - wie auch zuvor schon Lichtenberg und andere Vororte - die Stadtwürde zu erlangen.

Unterstützung erfuhren die Bemühungen der Gemeindeverwaltung dabei sowohl durch die gegenüber Berlin günstigeren Steuerbedingungen als auch durch das Interesse der Gewerbetreibenden der Reichshauptstadt, die materiellen Verwertungsbedingungen zu verbessern, indem auch die interessanteren Ansiedlungsmöglichkeiten im damaligen “Speckgürtel” der Stadt genutzt werden. Die erneute “Randwanderung” nahm ihren Anfang. Der Kreis Niederbarnim gab mit der Errichtung der Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde, deren erster Teil in Betrieb genommen wurde, Anlaß zu besonders spürbaren Ergebnissen. Erstmalig war es möglich geworden, Großbetriebe mit hohem Anteil an Schwer- und Massentransporten per Bahn anzusiedeln. Sehr bald erhielt die Bahntrasse eine Vielzahl von Anschlußstellen, und neue Betriebe zogen in das neue Industriegebiet, das sich längs der Bahn auf früheren Brachen und Ackern etablierte. Es begann mit der Firma Erich am Ende, die aus Berlin kam. Sie handelte mit Lokomotiven, mit Waggons, mit Schrott, vertrieb Sauerstoff und Gase und belegte einen großen Teil der eben frei gewordenen Rieselflächen zwischen Gehring- und Nüßlerstraße. An der Roelckestraße eröffnete die Firma Wurl, die schwere Metallarbeiten ausführte, und bald danach kam die Elektromaschinenfabrik Ziehl-Abegg, der es an anderer Stelle Weißensees zu eng geworden war. Unterstützt wurden die Ansiedlungen dadurch, daß das ursprünglich von dem Unternehmer Ruthenberg für den Bedarf seines Gewerbebereiches an der Lehderstraße gegründete Elektrizitätswerk ebenfalls im Jahre 1907 durch die Gemeinde übernommen und in seiner Kapazität erweitert wurde. Wenngleich die größten Betriebe dieser Jahre erst mit dem durch den 1. Weltkrieg ausgelösten Boom hierher kamen, sollen sie erwähnt werden: Das Stahlwerk Bothe, das auf dem Gelände zwischen Roelckestraße und An der Industriebahn für mehrere Jahre Rüstungsmaterial produzierte ebenso wie die Kugellager- und Werkzeugfabrik August Riebe, die zuvor ebenfalls in der Lehderstraße ihren Sitz gehabt hatte und nun im Jahre 1914 einen imposanten Fabrik- und Verwaltungsneubau entstehen ließ, für den eigens eine Straße angelegt werden mußte. Doch auch andere Weißenseer Unternehmen nutzten sehr schnell die günstigen Bedingungen, die mit der Industriebahn geschaffen worden waren. So die Farbenfabriken ebenso wie Brauereien und Fleischverarbeiter.

Als der Krieg verlustreich zu Ende gegangen war, mußten auch die Betriebe schließen, die an ihm verdient hatten. Das Stahlwerk verschwand völlig aus dem Handelsregister, das Riebe-Werk ging in Liquidation, sein wesentlich kleinerer Nachfolgerbetrieb überlebte nur noch wenige Jahre. Dafür kam aus Oberschöneweide ein Unternehmen, das wegen des Krieges seinen amerikanischen Namen hatte ablegen müssen, ihn jedoch nun wieder annehmen konnte: Deutsche Niles-Werke AG. Sie richteten ihre Produktion in Hallen ein, die Riebe freigemacht hatte. Und sie wurden für sieben Jahrzehnte zum größten Industriebetrieb im ganzen Umkreis.

Heute ist nach den Betrieben auch die Industriebahn nur noch Geschichte. Fuhr sie Anfang der 90er Jahre noch, konnte auch “Star” eines Werbefilms für das neue Bezirksamt werden, wurde ein Anschluß nach dem anderen schließlich gekappt. Letztmalig wurde sie zur Jahreswende 2002/2003 benutzt, als auf dem Gelände des früheren VEB Stern-Radio ein Film zu den Ereignissen des 17. Juni 1953 gedreht wurde und ein Zug - leider nicht, wie von den Filmleuten beabsichtigt mit S-Bahn-Wagen - die bereits weitgehend zugewachsenen Gleise befuhr. Inzwischen gibt es kaum noch Hinweise auf die frühere Bahnstrecke - außer an der Straße, die ihren Namen trägt: Dort verbreitete der frühere Übergang, der nach 1990 ganz modern mit Blinklichten und anderen seither nie benötigten Sicherungsmaßnahmen ausgestatten worden war, noch mehrere Jahre hindurch den Anschein intakter Verkehrsverhältnisse. Aber eben nur den Anschein.